„Es gibt zwei Indien“

Sr. Kesari Ruzar Fernandes zu Gast am HLG

Taj Mahal, Saris, Curry, Atommacht, Computerfirmen und Hotlines: Das sind wahrscheinlich die Dinge, die den meisten zuerst in den Sinn kommen, wenn sie an Indien denken. Sr. Kesari Ruzar Fernandes erzählte am 15. März vor Schülern der fünften, neunten und zehnten Jahrgangsstufe im UFO hingegen von einem anderen Indien.

Einem, in dem Kinder, wenn sie überhaupt die Schule besuchen, kilometerlange Wege dorthin zurücklegen müssen, zu Fuß, oft durch Wälder und über Berge auf unbefestigten Pfaden – wenn das Wetter nicht mitspielt ein gefährliches Unterfangen. Und das auch nur bis zur vierten Klasse, denn danach ist Schluss; wer nicht in eine Stadt zieht, wird statt der fünften Klasse jeden Tag das Feld besuchen. Kollege von Sheldon Cooper wird man so nicht, wie der TV-Charakter Radj Kudhrapali; und auch kein IT-Spezialist.

Des Rätsels Lösung: Indien besteht aus zwei Welten. Zum einen das urbane Indien, das sich mehr und mehr einer westlichen Industrienation annähert. Zum anderen das ländliche Indien mit Verhältnissen wie in einem Entwicklungsland. Und dieses ist es auch, dem sich Sr. Kesari verschrieben hat: „Ich habe mir für mein Leben ein Ziel gesteckt. Ich möchte der armen Bevölkerung helfen.“ Sie tut das anders als mit einer Spendenmentalität. Das Projekt Jeevan PLE der Caritas Indien ist allein darauf ausgelegt, die Dorfbevölkerung dazu zu ermutigen und zu befähigen, sich selbst zu helfen. So wird nicht etwa ein Schulbus für die abgelegenen Dörfer bereitgestellt, sondern durch Treffen in den Dörfern mit Eltern, Lehrern und Schülern wurde erreicht, dass die Schulkinder selbst einen Brief an die Behörden schrieben und dort vorstellig wurden – mit Erfolg. Heute verkehren sogar zwei Schulbusse zwischen den Dörfern, die Schwester Kesari betreut, und der nächsten Schule.

Bildung erscheint letztlich als Schlüssel zu der Überwindung von Problemen, zu denen auch manche Traditionen und Strukturen auf dem Land gehören. Das wurde in den Antworten auf zahlreiche, oft sehr konkrete Schülerfragen deutlich. So ist etwa das Kastensystem in den ländlichen Gegenden noch sehr intakt, mit den Unberührbaren will eigentlich niemand etwas zu tun haben. Beeindruckend erschien, wie Sr. Kesari diese Strukturen nicht verurteilt und zerbricht, sondern ganz pragmatisch aufweicht: „Wir versuchen, die Unberührbaren und die höheren Kasten einfach so oft wie möglich am selben Ort zusammenzubringen: Zu Festivitäten, zu Abstimmungen, zu Versammlungen. Oft sitzen die Unberührbaren dort noch etwas abseits, aber mehr und mehr fassen Sie den Mut, sich auch einzubringen und ihre Stimme zu erheben.“ Ähnlich verhält es sich mit arrangierten Ehen. Sr. Kesari erklärte ganz ohne Wertung, auf dem Dorf würden die Mädchen als Teenager mit einem Jungen aus der eigenen Großfamilie verheiratet, da die Menschen so ihren spärlichen Landbesitz zusammenhalten können. Genießen die Mädchen im Internat des Ordens hingegen höhere Bildung, so ergeben sich auch wirtschaftlich ganz andere Perspektiven. Das erklärt auch, warum es als Strafe (etwa für Zuspätkommen) gilt, wenn jemandem der Zutritt zum Klassenzimmer verwehrt wird. Eingängiger war unseren Schülern, dass 25maliges Abschreiben eines Textes für eine vergessene Hausaufgabe durchaus etwas Unangenehmes an sich hat. Aber nicht nur Bilder und Geschichten hatte Sr. Kesari dabei; auf die Bitte hin, ihre Muttersprache einmal „live“ hören zu dürfen, sang sie kurzerhand ein Lied auf Hindi vor.

Fremde Klänge, unerwartete Bilder und ungewöhnliche Geschichten: Die Schüler konnten von Sr. Kesari Einblicke in eine andere Welt, zumindest in ein anderes Indien mitnehmen. Eines, das weder auf den Reiserouten noch in westlichen Medien üblicherweise auftaucht.